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FERNRIDE erweitert Series‑A um 18 Mio. € und stärkt Offensive in dual‑use‑Logistik

FERNRIDE erhöht seine Series‑A‑Finanzierung um 18 Mio. €, um zertifizierte autonome Terminaltraktoren zu skalieren und die Plattform für Verteidigungslogistik weiterzuentwickeln. Lead‑Investor ist Helantic; insgesamt wurden nach Erweiterung 75 Mio. € eingesammelt, mit Fokus auf Kommerzialisierung nach TÜV‑SÜD‑Zertifizierung und europäische Rollouts.

Samuel Gassauer
Samuel Gassauer
5. September 20254 min
FERNRIDE erweitert Series‑A um 18 Mio. € und stärkt Offensive in dual‑use‑Logistik

FERNRIDE hat eine Erweiterung seiner Series‑A‑Finanzierung um 18 Mio. € bekanntgegeben. Die Mittel sollen die Skalierung der bereits zertifizierten autonomen Terminaltraktoren vorantreiben und die Plattform für den Einsatz in Verteidigungslogistik weiterentwickeln.

„Europe needs sovereignty in critical industries and technologies. Autonomous systems for Container Terminals and Defence are mission‑critical for Europe’s future.“
– Hendrik Kramer, CEO

Finanzierungsrunde – Faktenbox - Startup:

  • Startup: FERNRIDE

  • Sitz: München, Deutschland

  • Branche: Autonome Logistik / Robotik / Mobilität (Yard‑ und Terminal‑Trucking)

  • Finanzierungsrunde: Series‑A – Erweiterungsrunde

  • Volumen: 18 Mio. € (Erweiterung)

  • Bisher eingesammelt: 75 Mio. € (Total nach Erweiterung; Unternehmensbewertung wurde nicht veröffentlicht)

  • Investoren: Lead: Helantic; Beteiligung neuer strategischer Investoren, Family Offices; u.a. Thomas Müller (ehem. CEO Hensoldt) als neues Vorstandsmitglied; bestehende Aktionäre und VC‑Geldgeber erhöhten Anteile.

  • Verwendung der Mittel: Ausbau der Produktplattform für Verteidigungslogistik, Skalierung von Depot‑ und Terminallösungen in Europa, Kommerzialisierung nach TÜV‑SÜD‑Zertifizierung, Produktentwicklung und Markteintrittsaktivitäten.

  • Neue Personalien: Thomas Müller (Board‑Mandat/Advisory Board), zusätzliche Vertriebs‑ und Technikrollen geplant (konkrete Einstellungen nicht veröffentlicht).

Startup & Geschäftsmodell

FERNRIDE wurde 2019 als Ausgründung aus der TU München gegründet und verfolgt einen „human‑assisted autonomy“-Ansatz: autonome Fahrfunktionen kombiniert mit Fernüberwachung und Tele‑Intervention durch menschliche Operatoren. Technologisch setzt das Unternehmen auf modulare, fahrzeug‑agnostische Hardware, Sensornetzwerke und KI‑basierte Software, die bestehende Flotten in Terminals, Werken und Depots automatisieren soll. Kommerziell bietet FERNRIDE eine Plattform, die sowohl als Lösung für Betreiber großer Containerterminals als auch für innerbetriebliche Transportaufgaben positioniert ist. Zu den Referenzkunden zählen HHLA, Volkswagen und DB Schenker; als bedeutsamer Meilenstein gilt die TÜV‑SÜD‑Zertifizierung für einen autonomen Terminaltraktor, die den Schritt zu betrieblichen Einsätzen ohne Safety‑Driver ermöglichte. Das Geschäftsmodell kombiniert Hardwareintegration, Software‑Lizenzierung und Operations‑Services (inkl. Remote‑Operator‑Dienstleistungen), oft als langfristige Kundenverträge mit maßgeschneiderten Rollout‑Plänen.

Bedeutung der Runde für Startup & Markt

Die 18 Mio. €‑Erweiterung ist strategisch zweigleisig: Sie finanzieren die weitere Industrialisierung der Plattform für zivilen Einsatz in Terminals und zugleich die Adaption der Technologie für Verteidigungs‑ und Resilienz‑Anwendungen. Die Beteiligung eines Investors wie Helantic und die Einbindung von Personen mit Verteidigungs‑ und Sicherheits‑Expertise (Thomas Müller) signalisiert bewusstes Targeting des Dual‑Use‑Segments. Für FERNRIDE bedeutet das zusätzliche Kapital eine Beschleunigung bei Zertifizierung, Zulassungsprozessen und der Operationalisierung einer driverless‑Betriebsweise in sicherheitskritischen Umgebungen. Im Markt stärkt die Runde die Position des Unternehmens gegenüber Wettbewerbern, die entweder rein softwareseitig oder auf OEM‑Integration fokussiert sind. Die Kombination aus Kundenreferenzen, regulatorischem Fortschritt (TÜV‑SÜD‑Zertifikat) und frischem Kapital reduziert technische und kommerzielle Risiken, bleibt jedoch abhängig von erfolgreichen Rollouts, After‑Sales‑Services und der Fähigkeit, Betriebspersonal für Remote‑Überwachung zu schulen bzw. beim Kunden zu integrieren.

Von Investorensicht reflektiert die Finanzierung ein Interesse an europäischen Technologie‑Champions mit hohem strategischem Wert: autonome Logistik gilt als kritischer Baustein für Versorgungssicherheit und industrielle Resilienz. Gleichzeitig erhöht die Orientierung auf Verteidigungsanwendungen regulatorische und reputative Anforderungen; klare Governance, Compliance‑Prozesse und Transparenz über Einsatzszenarien werden zentrale Bewertungskriterien für zukünftige Kapitalgeber und Kunden bleiben.

Ausblick oder Marktvergleich

Kurzfristig steht für FERNRIDE die Skalierung in europäischen Terminals, Verfeinerung der Teleoperations‑Prozesse und der Aufbau von kommerziellen Service‑Teams auf der Agenda. Mittelfristig eröffnet die Dual‑Use‑Strategie zusätzliche Umsatzquellen durch staatliche Auftraggeber und strukturierte Beschaffungsprogramme – allerdings begleitet von längeren Entscheidungszyklen und höheren Anforderungen an Sicherheitszertifikate. Im Wettbewerbsumfeld unterscheidet sich FERNRIDE durch die Kombination aus Feldreferenzen, Zertifizierungserfolg und einem hybriden Betriebsmodell; Wettbewerber können hingegen mit größeren OEM‑Partnerschaften oder spezifischen Software‑Stacks punkten. Politische Rahmenbedingungen in Europa, etwa Unterstützungsprogramme für Technologie‑Souveränität oder Verteidigungsinnovation, dürften die Nachfrage begünstigen, können aber zugleich Export‑ und Nutzungsrestriktionen nach sich ziehen.

Finanziell betrachtet ist die Erweiterung sinnvoll, um die Brücke zwischen Proof‑of‑Concept und kommerzieller Skalierung zu schlagen, doch die Kapitalintensität von Hardware‑deployments, Support‑Netzwerken und Zertifizierungsprozessen bleibt hoch. Folgefinanzierungen oder strategische Partnerschaften mit Fahrzeugherstellern, Terminalbetreibern oder Rüstungspartnern sind plausibel, um Marktanteile schneller zu sichern. Für Investoren bietet FERNRIDE das typische Risikoprofil von Deep‑Tech‑Hardware‑Startups: hohes Marktpotenzial bei gleichzeitigem technischen und regulatorischen Risiko. Entscheidend wird die Fähigkeit sein, wiederkehrende Umsätze über Serviceverträge zu etablieren und die Operator‑zu‑Fahrzeug‑Ratio effizient zu gestalten.

Für die Branche liefert die Runde ein weiteres Indiz dafür, dass autonome Logistik von theoretischer Forschung in industrielle Anwendungen übergeht. Die Kombination aus unabhängiger Zertifizierung, realen Live‑Betrieben und strategischem Kapital könnte als Blaupause für weitere Akteure dienen. Gleichzeitig sollte die Community aufmerksam bleiben gegenüber ethischen, sicherheitsrelevanten und regulatorischen Fragestellungen, die mit einer Ausweitung dualer Einsatzformen einhergehen.

Quellenangaben