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IQM sichert 275 Mio. € in bislang größter Series‑B der Quantenbranche

IQM Quantum Computers hat 275 Mio. € in einer Series‑B‑Runde aufgenommen – eine der größten Finanzierungen im Quantenhardware‑Bereich außerhalb der USA. Lead‑Investor ist Ten Eleven Ventures; die Mittel fließen in den Ausbau der Chipfertigung in Finnland, US‑Expansion sowie F&E zu Fehlerkorrektur und Skalierung.

Samuel Gassauer
Samuel Gassauer
5. September 20255 min
IQM sichert 275 Mio. € in bislang größter Series‑B der Quantenbranche

Der europäische Quanten-Computerbauer IQM hat in einer Series‑B-Runde 275 Mio. € aufgenommen. Die Transaktion markiert einen der größten Finanzierungsabschlüsse im Bereich Quantenhardware außerhalb der USA und stärkt IQMs Expansionspläne, insbesondere für den US‑Markt und die Ausweitung der Fertigungskapazitäten.

„This funding round will fuel our company growth.“ – Dr Jan Goetz, Co‑founder and Co‑CEO

Finanzierungsrunde – Faktenbox

  • Startup: IQM Quantum Computers

  • Sitz: Espoo, Finnland

  • Branche: Quantencomputer (superkonduktive QPU‑Hardware, Full‑stack)

  • Finanzierungsrunde: Series B

  • Volumen: 275 Mio. €

  • Bisher eingesammelt: Angaben variieren (Quellen berichten von insgesamt ca. 515 Mio. € bzw. 600 Mio. $).

  • Investoren: Ten Eleven Ventures (Lead, erstes US‑Investment), Tesi, Elo, Varma, Schwarz Group, Winbond, EIC, Bayern Kapital u.a.

  • Verwendung der Mittel: Ausbau der Chipfertigung in Finnland, Skalierung von Assembly‑Linien und Data‑Center‑Infrastruktur, US‑Expansion, F&E für Fehlerkorrektur und Skalierung auf tausende bis Millionen Qubits.

  • Neue Personalien: Alex Doll (Ten Eleven) soll dem Board beitreten; Goldman Sachs als Platzierungsagent genannt.

Startup & Geschäftsmodell

IQM wurde 2018 als Spin‑out aus finnischen Forschungseinrichtungen gegründet und verfolgt seit Beginn einen kommerziellen Ansatz: full‑stack‑Lieferungen von on‑premises Quantensystemen kombiniert mit einem Cloud‑Zugangsangebot. Die Hardware basiert auf supraleitenden Qubits und modularen „Radiance“‑Systemen, die auf Integration in HPC‑Umgebungen ausgelegt sind. Vertriebsschwerpunkte liegen bei Supercomputing‑Zentren, Forschungsinstituten und ausgewählten Industrieanwendern, ergänzt durch Service‑ und Integrationsverträge, die einen wiederkehrenden Umsatzanker liefern. IQM hebt die Kombination aus Fertigungs‑Know‑how (eigene Chipfabrikation in Espoo) und Produktmaturität als Unterscheidungsmerkmal gegenüber reinen Forschungsprojekten hervor. (tech.eu, meetiqm.com)

Bedeutung der Runde für Startup & Markt

Die Runde verschafft IQM signifikante finanzielle Schlagkraft für eine Phase, in der sowohl Technologieentwicklung als auch industrielle Fertigung parallel skaliert werden müssen. Die Beteiligung von Ten Eleven Ventures als Lead hat zwei Dimensionen: Kapital, das US‑Expansion und Netzwerkzugang fördert, sowie strategische Nähe zu Akteuren im Sicherheitsbereich, die künftig von Quanten‑Resilienzfragen betroffen sind. Die Mittel adressieren unmittelbar Engpässe bei Fab‑Kapazitäten und Assembly‑Durchsatz, womit IQM seine Lieferkette stärker vertikal integrieren kann. Für den europäischen Technologie‑Stack ist das Signal relevant: ein nachweislich großer privater Kapitalschub unterstreicht die Möglichkeit, ernsthafte Hardware‑Player außerhalb der US‑Hyperscaler zu etablieren. Gleichzeitig erhöht die Runde den Wettbewerbsdruck auf Mitbewerber wie Pasqal oder Oxford Quantum Circuits, die vergleichsweise geringere Finanzmittel vorweisen. (techfundingnews.com, eu-startups.com)

Ausblick oder Marktvergleich

Kurzfristig wird IQM die Gelder in Produktionsausbau und Markterschließung investieren; mittelfristig ist die entscheidende Herausforderung, systematisch Fortschritte bei Fehlerreduktion und Skalierbarkeit zu erzielen, um echte Quanten‑Vorteile für Industrieanwendungen zu liefern. Technologisch konkurriert IQM im superconducting‑Segment mit etablierten Akteuren und Forschungsgruppen, während alternative Ansätze (Photonik, Ionenfallen) weiterhin unterschiedliche Vorteilspfade verfolgen. Finanzpolitisch schafft der Abschluss ein neues Referenzbenchmark für Series‑B‑Bewertungen in der Quantenbranche, zeigt aber auch, dass tiefe technologische Ambitionen erhebliche Kapitalbedarfe erfordern. Beobachter sollten auf KPIs wie Systemlieferungen, Kundentypen (HPC vs. Cloud), Fab‑Output und Fortschritte bei Error‑Correction‑Demonstrationen achten. (tech.eu, techfundingnews.com)

Investorperspektive: Für Risikokapitalgeber bietet IQMs Abschluss sowohl Chancen als auch Herausforderungen. Die Größenordnung der Runde signalisiert, dass Investoren bereit sind, in kapitalintensive Hardware‑Wetten zu investieren, sofern ein klarer Pfad zu wiederkehrenden Umsätzen und industrieller Skalierung sichtbar ist. Ten Eleven Ventures bringt zudem spezielles Know‑how in der Schnittmenge von Sicherheit und Technologie, was potenziell Türen zu staatlichen und sicherheitsrelevanten Kunden öffnen kann. Gleichzeitig erhöht die Runde Erwartungen an operative Meilensteine: gesteigerte Fertigungsleistung, planbare Lieferzyklen und messbare Fortschritte bei Fehlerraten werden zu harten KPIs für Folgefinanzierungen oder einen möglichen Exit durch IPO oder strategischen Verkauf.

Risiken & offene Fragen: Trotz des Kapitalzuflusses bleiben technische Risiken zentral. Die Demonstration von Fehlerkorrekturverfahren in produktionsnahen Systemen, die Reproduzierbarkeit hoher Qubit‑Fidelitäten bei steigender Qubit‑Zahl und die Wartbarkeit von On‑Premises‑Installationen über längere Zeiträume sind noch nicht vollständig gelöst. Marktrisiken umfassen die Geschwindigkeit, mit der klassische HPC‑Anwender Quantenvorteile erkennen und budgetieren, sowie die Konkurrenz durch Cloud‑Hyperscaler, die eigene Quanten‑Stacks entwickeln. Regulatorische oder sicherheitsbezogene Vorgaben für Quanten‑Hardware in sensiblen Bereichen könnten zudem Beschaffungsprozesse verlangsamen.

Operative Sicht: IQM hat bereits eine Produktionslinie in Espoo und plant weitere Investitionen in Europa; die zusätzliche Liquidität soll diese Kapazitäten erhöhen und gleichzeitig den Markteintritt in den USA beschleunigen. Die Nennung von Goldman Sachs als Platzierungsagent deutet darauf hin, dass das Unternehmen seine Kapitalmarktfähigkeit professionalisiert, was mittelfristig einen IPO‑Weg vorbereiten könnte. Für Talente bleiben zwei Bereiche entscheidend: Fertigungsingenieure und Spezialisten für Fehlerkorrektur und QPU‑Kalibrierung. Eine skalierende Produktion setzt zudem robuste Lieferantenbeziehungen und qualitätsgesicherte Fertigungsprozesse voraus.

Fazit: Die 275 Mio. €‑Runde ist ein starkes Signal für die Kapitalintensität und das kommerzielle Momentum in der Hardware‑Seite der Quantenindustrie. Für IQM bedeutet das mehr als finanziellen Spielraum: Es ist ein Test, ob ein europäischer Hardwareanbieter in der Lage ist, industrielle Fertigung, Kundenlieferungen und wissenschaftliche Meilensteine gleichzeitig zu erfüllen. Für die Venture‑Community bleibt spannend zu beobachten, ob dieser Kapitaleinsatz in messbare Produkt‑ und Marktfortschritte übersetzt wird oder vor allem die Zeit bis zur nächsten technologischen Hürde verlängert.

Konsequenzen für Zulieferer und Ökosystem: Eine erfolgreiche Skalierung erfordert nicht nur Kapital bei IQM selbst, sondern auch stabilere Supply‑Chains für kryogene Komponenten, Halbleitersubstrate und Präzisionsmechanik. Europäische Zulieferer könnten von höheren Volumina profitieren, müssen jedoch Investitionen in Qualitätskontrolle und Kapazität planen. Staatliche Förderprogramme und industrielle Partnerschaften bleiben wichtig, um die Lücke zwischen akademischer Forschung und industrieller Produktion zu schließen.

Empfehlung an Investoren und Marktteilnehmer: Beobachten Sie kurzfristig Quartals‑ oder Halbjahres‑Updates zu Produktionsvolumen, Neukundenverträgen und konkreten Meilensteinen bei Fehlerraten. Prüfen Sie, inwieweit Vertragsstrukturen wiederkehrende Erlöse sichern (Wartung, Service, Cloud‑Zugänge) und ob Governance‑Maßnahmen – etwa Board‑Erweiterungen mit branchenerfahrenen Stimmen – umgesetzt werden. Für potenzielle strategische Käufer bietet IQM Zugang zu europäischen HPC‑Kunden und einer etablierten Fertigungspipeline; für Finanzinvestoren bleibt die Frage, ob Wachstum und Margenpfade hinreichend planbar sind.

Langfristig entscheidet die Kombination aus technischer Glaubwürdigkeit, planbarer Produktion und kommerzieller Annahme darüber, ob IQM der Sprung vom forschungsgetriebenen Pionier zum nachhaltigen, profitablen Anbieter gelingt; die Serie‑B liefert dafür Zeit und Ressourcen, stellt aber zugleich erhöhte Erwartung an messbare Fortschritte. Die Entwicklung bleibt weiter beobachtenswert.

Quellenangaben