Das Gorillas-Trauma: Warum Sie trotzdem (oder gerade deswegen) in Venture Capital investieren sollten

Das Gorillas-Debakel als Lehrstunde: Warum professionelle VC-Diversifikation über 200+ Startups das Risiko minimiert. Strategien für kluge Investoren.

Johannes Fiegenbaum
Johannes Fiegenbaum
8. September 20256 Min
Das Gorillas-Trauma: Warum Sie trotzdem (oder gerade deswegen) in Venture Capital investieren sollten

Stellen Sie sich vor: Ein Startup verspricht Lebensmittel in zehn Minuten, wird binnen Monaten zum Milliarden-Einhorn – und verschwindet dann spurlos vom Markt. Die Gorillas-Story ist zum Albtraum aller geworden, die jemals über Startup-Investments nachgedacht haben. Doch was, wenn ich Ihnen sage, dass gerade diese Geschichte der beste Grund ist, warum Sie heute in Venture Capital investieren sollten?

Die Wahrheit über das Gorillas-Debakel enthüllt ein fundamentales Missverständnis: Einzelinvestments sind Casino – Portfolios sind Strategie.

Was steckt hinter dem Gorillas-Mythos wirklich?

Die Geschichte von Gorillas wird oft falsch erzählt. Es ist nicht die Geschichte eines innovativen Konzepts, das scheiterte, sondern die eines fundamentalen Managementversagens, das erfahrene Investoren längst haben kommen sehen.

Der Mythos: "Quick Commerce funktioniert nicht"

Die Realität: Das Geschäftsmodell war von Anfang an kaputt. Gorillas verbrannte bei jedem einzelnen Auftrag Geld – und das war kein Bug, sondern das Design des Systems. Während traditionelle Supermärkte mit Gewinnmargen von wenigen Prozent arbeiten, setzte Gorillas auf ein Modell, bei dem jede Lieferung ein Verlustgeschäft war.

Denken Sie an Gorillas wie an eine Eisdiele, die Eis für 2 Euro verkauft, aber 5 Euro für Herstellung und Lieferung ausgibt – und trotzdem hofft, durch "Skalierung" profitabel zu werden. Mathematisch unmöglich, praktisch zum Scheitern verurteilt.

Der wahre Killer: Wachstum um jeden Preis

Kağan Sümer, der Gorillas-Gründer, machte den klassischen Startup-Fehler: Er verwechselte Wachstum mit Erfolg. Tatsächlich war jeder neue Kunde ein größerer Verlust. Als die Investoren nach dem Ukraine-Krieg vorsichtiger wurden, brach das Kartenhaus in sich zusammen.

Hinzu kamen hausgemachte Krisen: Streiks der Fahrer, Betriebsratsgründungen, Negativschlagzeilen. Für Mitgründer Jörg Kattner war Gorillas zu schnell zu groß geworden – er verließ das sinkende Schiff bereits früh.

Strategie statt Casino: Wie Profis wirklich investieren

Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis: Kein professioneller Venture Capital-Manager hätte jemals alles auf Gorillas gesetzt. VCs denken in Portfolios, nicht in Einzelwetten.

Die Eisdielenpark-Analogie

Stellen Sie sich vor, Sie könnten nicht nur eine Eisdiele eröffnen, sondern gleich einen ganzen Freizeitpark mit hundert verschiedenen Attraktionen. Einige Fahrgeschäfte werden Flops, manche werden ganz gut laufen – aber die wenigen Blockbuster-Attraktionen finanzieren den gesamten Park.

Genau so funktioniert professionelles Venture Capital: Ein diversifiziertes Portfolio über hunderte Startups macht aus dem Glücksspiel eine kalkulierbare Anlagestrategie.

Risikomanagement wie die Profis

Profi-VCs diversifizieren systematisch nach vier Dimensionen:

  • Branchen: DeepTech, HealthTech, CleanTech, FinTech

  • Entwicklungsphasen: Von Seed bis Growth Stage

  • Geografie: Verschiedene Märkte und Länder

  • Zeit: Investments über mehrere Jahrgänge verteilt

Das Ergebnis? Während ein einzelnes Gorillas-Investment den Totalverlust bedeutet, wird es in einem professionell gemanagten Portfolio zu einer kalkulierten Position von wenigen Prozent.

Die Erfolgsgeschichten, die Sie übersehen

Während alle über Gorillas sprechen, entstehen parallel Dutzende Erfolgsgeschichten – auch im Quick Commerce.

Die Überlebenden haben verstanden

Flink macht vor, wie es richtig geht: Statt blindem Wachstum fokussiert sich das Unternehmen auf Effizienz und Profitabilität. Bereits heute erreicht Flink in Deutschland und den Niederlanden EBITDA-Breakeven – etwas, was Gorillas nie geschafft hat.

Picnic aus den Niederlanden revolutioniert den Markt mit dem "Milchmann-Prinzip": Feste Lieferzeiten ermöglichen Routenoptimierung und profitable Logistik. Das Ergebnis: beeindruckende Wachstumsraten bei nachhaltiger Geschäftsentwicklung.

Die stillen Champions Europas

Jenseits des Quick Commerce floriert die europäische Startup-Landschaft: Zalando revolutionierte Mode-E-Commerce, Spotify die Musikindustrie, Adyen das Payment-Geschäft. Diese Erfolgsgeschichten machen deutlich: Für jeden Gorillas-Fall entstehen zehn Success Stories.

Lernen von den Profis: Der Weg zur Portfolio-Macht

Früher war professionelle Venture Capital-Diversifikation nur Institutionen mit Millionenbudgets vorbehalten. Heute demokratisieren Dachfonds diesen Zugang.

Das Dachfonds-Prinzip verständlich erklärt

Stellen Sie sich vor, Sie könnten sich mit hundert anderen Personen zusammentun, um gemeinsam nicht nur in eine, sondern in zehn verschiedene Eisdielen-Ketten zu investieren, die wiederum jeweils zwanzig verschiedene Standorte betreiben. Das Risiko verteilt sich, aber die Gewinnchancen bleiben erhalten.

Genau so funktionieren moderne VC-Dachfonds: Sie bündeln das Kapital vieler Anleger und streuen es über multiple VC-Fonds, die wiederum in hunderte Startups investieren.

Das Core-Satellite-Prinzip für Privatanleger

Profis nutzen das Core-Satellite-Prinzip: Ein stabiler Kern aus ETFs wird durch satellitenartige Beimischungen alternativer Investments ergänzt. Venture Capital wird dabei zum Rendite-Booster für das Gesamtportfolio.

Trauma überwinden: Psychologie des klugen Investierens

Das Gorillas-Trauma ist ein Paradebeispiel dafür, wie Einzelereignisse unsere Wahrnehmung ganzer Anlageklassen verzerren können.

Aus Angst wird Strategie

Markus, ein Münchner Ingenieur (Name geändert), hatte 2021 alles auf Gorillas gesetzt. "Lebensmittel-Lieferung in zehn Minuten – das klang wie die Zukunft", erinnert er sich. Nach dem Totalverlust schwor er Startup-Investments ab.

Heute investiert Markus wieder – aber anders: Über einen Dachfonds, der sein Kapital auf über zweihundert Startups verteilt. "Gorillas war wie russisches Roulette. Heute spiele ich strategisch Schach", sagt er.

Warum Scheitern zum System gehört

"Neun von zehn Startups werden scheitern – und das ist völlig normal", erklärt ein erfahrener VC-Partner, der anonym bleiben möchte. "Das Geheimnis liegt nicht darin, Verluste zu vermeiden, sondern sie zu kalkulieren. Der eine große Erfolg finanziert alle Verluste."

Diese Mathematik funktioniert nur mit ausreichender Diversifikation – etwas, was Gorillas-Direktinvestoren schmerzhaft lernen mussten.

Kritische Stimmen: Warum VC dennoch riskant bleibt

Nicht alle Experten sehen Venture Capital rosig. Die Kritik sollte ernst genommen werden.

Die Skeptiker haben Punkte

"Venture Capital ist und bleibt Spekulation", warnt ein Vermögensberater aus Frankfurt. "Auch Dachfonds können nicht zaubern – wenn der gesamte Markt crasht, hilft keine Diversifikation."

Seine Kritikpunkte sind berechtigt: Lange Kapitalbindung, begrenzte Liquidität, hohe Kosten und die Abhängigkeit von Marktzyklen bleiben reale Risiken.

Alternative Wege prüfen

Andere setzen auf Crowdinvesting-Plattformen oder P2P-Lending als "demokratischere" Alternative. Diese Ansätze haben ihre eigenen Vor- und Nachteile, die sorgfältig abgewogen werden sollten.

Handlungstipps für Investoren: Praxis statt Theorie

Wer nach dem Gorillas-Trauma wieder Vertrauen fassen will, braucht konkrete Leitplanken.

Der Einsteiger-Fahrplan

1. Bestandsaufnahme: Wie viel können Sie langfristig entbehren? Venture Capital sollte maximal 5-15% Ihres Portfolios ausmachen.

2. Plattform-Check: Prüfen Sie BaFin-Zulassungen und Regulierung. ELTIF-konforme Produkte bieten zusätzliche Sicherheit.

3. Manager-Auswahl: Setzen Sie auf erfahrene Teams mit nachgewiesener Track Record – nicht auf Marketing-Versprechen.

Typische Stolpersteine vermeiden

  • Zu früh im Secondary markt verkaufen: Venture Capital braucht Zeit – rechnen Sie mit 8-12 Jahren

  • Zu konzentriert investieren: Ein Fonds ist nicht genug – streuen Sie über mehrere Manager

  • Emotionale Entscheidungen: Lassen Sie sich nicht von Hype-Storys wie Gorillas blenden

Die Zukunft nach Gorillas: Europa erwacht

Das Gorillas-Trauma war schmerzhaft, aber heilsam für die gesamte Branche.

Qualität schlägt Quantität

Die neue Generation europäischer Startups fokussiert sich auf nachhaltige Geschäftsmodelle statt Wachstum um jeden Preis. Bereiche wie DeepTech und CleanTech zeigen vielversprechende Entwicklungen.

Staatliche Unterstützung schafft Vertrauen

Mit Initiativen wie dem Zukunftsfonds stärkt die Politik das VC-Ökosystem. Diese Programme schaffen zusätzliche Sicherheit für private Investoren.

Das Gorillas-Paradox: Scheitern als Erfolgsrezept

Die größte Ironie der Gorillas-Geschichte: Ihr Scheitern macht Venture Capital nicht schlechter – sondern besser. Es zeigt kristallklar, warum professionelle Diversifikation unverzichtbar ist.

Wer heute in Venture Capital investiert, profitiert von den Lehren des Gorillas-Debakels: Moderne Dachfonds bieten Zugang zu institutioneller Expertise, ohne dass Sie zum Gorillas-Glücksspieler werden müssen.

Die Zukunft gehört nicht den Angsthasen, die sich von Einzelfällen abschrecken lassen, sondern den strategischen Denkern, die aus Fehlern lernen. Gorillas ist gescheitert – die Venture Capital-Strategie der intelligenten Diversifikation siegt.

Häufige Fragen (FAQ)

Was tue ich, wenn ich damals bei Gorillas investiert habe?

Betrachten Sie es als teure, aber wertvolle Lektion. Beim nächsten Mal investieren Sie nicht direkt, sondern über diversifizierte Dachfonds. Das Gorillas-Investment zeigt perfekt, warum Einzelwetten gefährlich sind.

Wie finde ich seriöse VC-Dachfonds?

Achten Sie auf BaFin-Zulassung, transparente Kostenstruktur und erfahrene Managementteams. Meiden Sie Anbieter, die mit unrealistischen Renditeversprechen werben oder Gorillas-ähnliche Hype-Storys erzählen.

Ist Quick Commerce nach Gorillas noch investierbar?

Ja, aber nur über diversifizierte Portfolios. Überlebende wie Flink oder Picnic zeigen: Das Konzept funktioniert, wenn die Unit Economics stimmen. Als Direktinvestment bleibt es hochriskant.

Wie viel sollte ich maximal in Venture Capital investieren?

Faustregeln sprechen von 5-15% des Gesamtportfolios – abhängig von Ihrer Risikobereitschaft und Ihrem Anlagehorizont. Investieren Sie nie Geld, das Sie in den nächsten zehn Jahren brauchen könnten.

Warum sollte ich nach Gorillas überhaupt noch in Startups investieren?

Weil Innovation nicht aufhört, nur weil ein Unternehmen scheitert. Europäische Startups bleiben eine attraktive Anlagechance – wenn Sie es richtig anstellen.

Gibt es Garantien, dass sich das Gorillas-Debakel nicht wiederholt?

Nein – und das ist gut so. Venture Capital ohne Risiko gäbe es nicht. Aber durch professionelle Diversifikation wird aus dem Gorillas-Casino eine kalkulierbare Anlagestrategie mit attraktiven Renditechancen.

Quellen

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