Die Equity-Lücke: Warum Tech-Führungskräfte trotz Millionen-Exits leer ausgehen – und welche Lösungsansätze tatsächlich funktionieren

Tech-Führungskräfte gehen bei Startup-Exits meist leer aus, obwohl sie den Erfolg mitprägen. Analyse der Equity-Lücke und realistische Lösungsansätze für systematischen Vermögensaufbau.

Johannes Fiegenbaum
Johannes Fiegenbaum
9. September 20254 Min
Die Equity-Lücke: Warum Tech-Führungskräfte trotz Millionen-Exits leer ausgehen – und welche Lösungsansätze tatsächlich funktionieren

Zusammenfassung: Tech-Führungskräfte erleben täglich, wie Startups zu Millionen-Bewertungen heranwachsen – ohne selbst daran zu partizipieren. Während Gründer und frühe Mitarbeiter von Equity-Beteiligungen profitieren, bleiben erfahrene Manager trotz entscheidender Beiträge außen vor. Eine Analyse der strukturellen Ursachen zeigt: Das Problem erfordert sowohl bessere Vergütungsstrategien als auch durchdachte Portfolio-Ergänzungen – wobei verschiedene Ansätze je nach Situation unterschiedlich geeignet sind.

Der 50-Millionen-Exit nebenan: Ein alltägliches Phänoma mit systemischen Ursachen

Stellen Sie sich vor: Das Startup, für das Sie als Head of Engineering drei Jahre lang 60-Stunden-Wochen geleistet haben, wird für 50 Millionen Euro verkauft. Die Gründer werden über Nacht zu Multimillionären, frühe Mitarbeiter kassieren sechsstellige Summen – und Sie? Sie bekommen eine Abschiedsfeier und vielleicht einen symbolischen Bonus.

Diese Situation ist alles andere als fiktiv. Tatsächlich erlebten 2024 nach Angaben von PitchBook allein in Europa über 1.200 Scale-ups erfolgreiche Exit-Events (PitchBook, 2024). Dabei entstanden Wertsteigerungen in Milliardenhöhe – doch die meisten erfahrenen Führungskräfte, die maßgeblich zu diesem Erfolg beitrugen, gingen leer aus.

Das Problem liegt nicht in mangelnder Leistung oder fehlender Verantwortung. Vielmehr offenbart sich hier eine strukturelle Ungerechtigkeit des modernen Tech-Ökosystems: die Equity-Lücke. Interessanterweise zeigen aktuelle Erhebungen von Munich Startup, dass nur etwa 35% der deutschen Startups überhaupt Mitarbeiterbeteiligungsprogramme anbieten – und diese konzentrieren sich hauptsächlich auf frühe Mitarbeiter (Munich Startup, 2024).

Was auf den ersten Blick wie ein rein finanzielles Thema erscheint, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als komplexes Zusammenspiel aus rechtlichen Rahmenbedingungen, kulturellen Präferenzen und strukturellen Marktgegebenheiten.

Das Equity-Paradox: Strukturelle Ursachen einer systematischen Benachteiligung

Die Ironie könnte größer nicht sein. Gerade jene Führungskräfte, die mit ihrer Expertise Scale-ups zum Erfolg verhelfen, erhalten typischerweise keine substantiellen Unternehmensbeteiligungen. Der Grund ist vielschichtig: Neben dem timing-bedingten Faktor spielen kulturelle und rechtliche Besonderheiten eine entscheidende Rolle.

Strukturelle Ursachen der Equity-Lücke:

Aktuelle Daten von Index Ventures zeigen das Ausmaß dieser Diskrepanz: In Series-A-Startups erhalten die ersten 20 Mitarbeiter typischerweise deutlich höhere prozentuale Unternehmensanteile als spätere Senior-Hires. Ein VP of Sales, der erst in der Series-B-Phase einsteigt, erhält hingegen meist nur Bruchteile davon – wenn überhaupt (Index Ventures, 2024).

Soziokulturelle Faktoren verstärken das Problem: Der deutsche Arbeitsmarkt ist traditionell stärker auf Sicherheit und verlässliche Fixgehälter ausgerichtet. Während Silicon Valley-Professionals routiniert Gehaltsverzicht gegen Equity-Upside tauschen, bevorzugen DACH-Manager meist sichere Vergütungsstrukturen. Diese Präferenz ist rational begründet: Das deutsche Sozialsystem und die geringere Jobmobilität machen variable Vergütung weniger attraktiv als in den USA.

Die rechtliche Situation in Deutschland verschärfte das Problem bis vor kurzem zusätzlich. Bis zur Reform durch das Zukunftsfinanzierungsgesetz 2023 waren Mitarbeiterbeteiligungen steuerlich unattraktiv gestaltet. Zwar hat sich die Lage verbessert – Virtual Shares und andere Modelle sind nun steuerlich begünstigt –, doch viele Unternehmen nutzen diese Möglichkeiten noch nicht systematisch (Orrick, 2025).

Verhandlungspsychologie als unterschätzter Faktor: Viele erfahrene Manager überschätzen die Bedeutung kurzfristiger Gehaltssteigerungen und unterschätzen langfristige Equity-Werte. Jennifer Kim, Expertin für Startup-Compensation, identifiziert typische Denkfehler: "Senior-Manager fokussieren sich oft auf kurzfristige Gehaltssteigerungen statt langfristige Wertteilhabe, weil Equity-Werte schwerer greifbar sind" (LinkedIn, 2023).

Diese Faktoren wirken zusammen und schaffen eine systematische Benachteiligung, die weit über individuelle Verhandlungsfehler hinausgeht.

Die Zahlen sprechen Klartext: Ausmaß und Verteilung der Lücke

Eine qualitative Analyse der Gehaltsentwicklung gegenüber Equity-Wertsteigerungen verdeutlicht das Ausmaß der Lücke, ohne in irreführende Prognosen zu verfallen. Statt konkreter Renditeversprechen zeigen Branchendaten deutliche Muster:

Typische Kompensationsstrukturen zeigen erhebliche Diskrepanzen: Während frühe Mitarbeiter bei erfolgreichen Exits oft Auszahlungen im mittleren bis hohen sechsstelligen Bereich realisieren, erhalten spätere Senior-Hires meist deutlich geringere Beträge – trotz vergleichbarer oder höherer Beiträge zum Unternehmenserfolg.

Diese Berechnung basiert auf Durchschnittswerten erfolgreicher Exits. Carta-Daten für Deutschland zeigen erhebliche Spreizungen: Senior-Level-Angestellte in erfolgreichen Startups realisieren Equity-Auszahlungen zwischen niedrigen fünfstelligen und mittleren sechsstelligen Beträgen – während vergleichbare Positionen in Silicon Valley-Startups oft deutlich höhere Ausschüttungen erzielen (Carta, 2024).

Die psychologischen Folgekosten sind messbar: Studien der Oxford University Press belegen, dass Führungskräfte mit "Equity Regret" signifikant häufiger den Arbeitgeber wechseln und weniger innovationsbereit sind. Die volkswirtschaftlichen Kosten dieser reduzierten Bindung sind beträchtlich (Oxford University Press, 2025).

Dabei ist wichtig zu betonen: Diese Zahlen reflektieren historische Entwicklungen und Erfolgsgeschichten. Zukünftige Renditen können erheblich davon abweichen – sowohl nach oben als auch nach unten.

Psychologische Dimension: Karriere-Impact der verpassten Teilhabe

Die Equity-Lücke ist mehr als ein finanzielles Problem – sie wird zur karrierebestimmenden Größe. Tech-Führungskräfte berichten übereinstimmend von einem Gefühl der "verpassten Teilhabe", das ihre beruflichen Entscheidungen maßgeblich beeinflusst.

Konkrete Auswirkungen zeigen sich in:

  • Loyalitätsverlust: Führungskräfte ohne substantielle Equity-Beteiligung wechseln überdurchschnittlich häufiger den Arbeitgeber

  • Risikoaversion: Ohne direkte Beteiligung am Upside meiden Manager innovative, aber riskante Projekte

  • Verhandlungsschwäche: Viele überschätzen Fixgehälter und unterschätzen langfristige Equity-Werte systematisch

Praktische Lösungsansätze für bessere Vergütungsverhandlungen:

Bevor externe Investmentlösungen in Betracht gezogen werden, sollten Tech-Führungskräfte ihre Verhandlungsposition systematisch stärken:

  1. Equity als Verhandlungsgegenstand: Substanzielle Equity-Komponenten sollten von Beginn an Teil jeder Gehaltsverhandlung sein

  2. Marktbenchmarking: Branchenübliche Equity-Levels für vergleichbare Positionen systematisch recherchieren

  3. Vesting-Optimierung: Cliff-Perioden minimieren, Acceleration-Klauseln bei Exit-Events vereinbaren

  4. Alternative Strukturen: Virtual Shares, Phantom Stock oder andere steueroptimierte Modelle prüfen

Diese Handlungsempfehlungen adressieren das Problem an der Wurzel und können oft wirkungsvoller sein als nachgelagerte Investmentstrategien.

Lösungsansätze jenseits des Hypes: Ein Überblick verfügbarer Optionen

Für Tech-Führungskräfte, die ihre Equity-Lücke systematisch schließen möchten, stehen verschiedene Ansätze zur Verfügung – jeder mit spezifischen Vor- und Nachteilen:

1. Venture Capital Dachfonds: Institutionelle Qualität mit Einschränkungen

Vorteile:

  • Professionelles Management durch erfahrene Teams

  • Breite Diversifikation über etablierte VC-Manager

  • Regulatorische Sicherheit durch BaFin-Zulassung

  • Niedrigere Einstiegshürden als Direktinvestments

Realistische Limitationen:

  • Illiquidität von typischerweise 8-12 Jahren

  • Gebührenstrukturen, die Nettorenditen reduzieren

  • Keine Kontrolle über Einzelinvestments

  • Abhängigkeit von GP-Performance und Marktzyklen

  • Komplexe Kostenstrukturen, die für Laien schwer durchschaubar sind

2. Digitale Investmentplattformen: Flexibilität vs. Risiko

Plattformen wie Seedrs oder Companisto ermöglichen Direktinvestments in einzelne Startups mit niedrigeren Mindestanlage, bringen aber erhöhte Einzelrisiken mit sich.

3. Mitarbeiterbeteiligungsprogramme: Die unterschätzte Alternative

Viele Tech-Führungskräfte übersehen bestehende oder verfügbare Employee Share Purchase Plans (ESPPs) in ihren aktuellen Unternehmen.

4. Steueroptimierte Sparformen: Unterschätzte Basics

Unser Artikel ob die Rürup-Rente noch sinnvoll ist, zeigt, dass auch traditionelle Vorsorgeinstrumente bei entsprechender Strukturierung interessante Rendite-Risiko-Profile bieten können.

Kritische Einordnung: Keine dieser Optionen ist ein Allheilmittel. Die optimale Lösung hängt stark von individuellen Faktoren ab: verfügbares Kapital, Risikobereitschaft, Liquiditätsbedarf und berufliche Situation.

Realistische Portfolio-Strategien: Jenseits vereinfachender Faustregeln

Statt pauschaler Allokationsempfehlungen sollten Tech-Führungskräfte ihre Portfolio-Strategie an individuellen Gegebenheiten ausrichten:

Grundprinzipien für verschiedene Ausgangslagen:

Frühe Karrierephase (unter 35, begrenztes Kapital): Fokus auf Humankapital-Entwicklung und liquide Reserves. Alternative Investments sollten minimal gewichtet sein, da Flexibilität wichtiger ist als Rendite-Optimierung.

Etablierte Position (35-50, stabiles Einkommen): Schrittweiser Aufbau alternativer Anlageklassen möglich, aber nur nach Aufbau einer soliden Basis aus liquiden Investments. Core-Satellite-Strategie kann hier als Orientierung dienen.

Späte Karrierephase (50+, hohes Vermögen): Systematische Diversifikation in Private Markets vertretbar, aber mit Fokus auf Liquiditätsplanung für den Ruhestand.

Wichtige Voraussetzungen für alternative Investments:

  • Mindestens 12-monatige Liquiditätsreserve

  • Stabile Einkommenssituation

  • Verständnis für Illiquiditätsrisiken

  • Unabhängige Beratung bei komplexen Produktstrukturen

Die zeitliche Umsetzung sollte graduell erfolgen. Abrupte Portfolio-Umschichtungen sind selten optimal und erhöhen Timing-Risiken unnötig.

Regulatorische Komplexität: Was Investoren wissen müssen

Alternative Investments bringen erhebliche regulatorische und steuerliche Komplexität mit sich, die oft unterschätzt wird:

Typische Fallstricke bei VC-Investments:

  • Kostenstrukturen mit mehreren Gebührenebenen

  • Komplexe Ausschüttungslogik (Waterfall-Strukturen)

  • Steuerliche Behandlung von Veräußerungsgewinnen

  • Reporting-Anforderungen und Dokumentationspflichten

Due Diligence Mindeststandards: Bevor eine Investition in alternative Anlageklassen erfolgt, sollten folgende Aspekte geklärt sein:

  • Vollständige Kostenaufstellung über die gesamte Laufzeit

  • Verständnis der Ausschüttungsmechanismen

  • Steuerliche Konsequenzen im Einzelfall

  • Exit-Szenarien und Liquidationsverfahren

Steuerliche Aspekte sollten unbedingt mit einem Steuerberater besprochen werden, da VC-Investments erhebliche steuerliche Konsequenzen haben können, die je nach individueller Situation variieren.

Häufige Fragen (FAQ)

Sind alternative Investments überhaupt für normale Angestellte geeignet?

Das hängt stark von der individuellen Situation ab. Tech-Führungskräfte mit stabilen, überdurchschnittlichen Einkommen und langfristigem Anlagehorizont können durchaus von alternativen Anlageklassen profitieren – aber nur nach sorgfältiger Prüfung der Voraussetzungen und mit angemessener Gewichtung im Gesamtportfolio.

Warum sollte ich jahrelang auf Ausschüttungen warten?

Die Illiquidität ist kein Selbstzweck, sondern spiegelt die natürlichen Entwicklungszyklen von Startups wider. Gleichzeitig schützt sie vor emotionalen Verkaufsentscheidungen in Krisenzeiten. Allerdings eignet sich dieser Ansatz nur für Anleger, die die Illiquidität verkraften können und keine kurzfristige Liquidität benötigen.

Wie unterscheiden sich professionelle VC-Fonds von Crowdinvesting?

Die Unterschiede sind fundamental: Crowdinvesting fokussiert sich auf einzelne Startups mit entsprechend hohen Einzelrisiken, während professionelle VC-Fonds systematische Diversifikation und institutionelle Due Diligence bieten. Die Risiko-Rendite-Profile sind grundlegend verschieden und nicht direkt vergleichbar.

Was passiert bei einer Rezession mit illiquiden Investments?

Historische Daten zeigen, dass professionelle Private Market-Investments langfristig weniger volatil waren als öffentliche Märkte – allerdings mit der Einschränkung, dass diese Stabilität teilweise auf verzögerten Bewertungsanpassungen beruht. In Rezessionen können sich Ausschüttungen erheblich verzögern.

Sind die Kosten alternativer Investments gerechtfertigt?

Die Kosten professioneller Private Market-Vehikel sind komplex und oft höher als bei traditionellen Anlageklassen. Ob sie gerechtfertigt sind, hängt von der erzielten Wertschöpfung ab – die jedoch nicht garantiert ist. Eine sorgfältige Kosten-Nutzen-Analyse ist essentiell.

Ab welchem Vermögen machen alternative Investments Sinn?

Pauschale Schwellenwerte sind irreführend. Wichtiger sind stabile Einkommensverhältnisse, ausreichende Liquiditätsreserven und die Fähigkeit, Verluste zu verkraften. Bei geringeren Vermögen sollten traditionelle Anlageklassen Priorität haben.

Quellen

Carta. (2024). Germany Equity Report: Employee Participation Trends. Carta Inc.

Index Ventures. (2024). Rewarding Talent: ESOP Size at Series A and Beyond. Index Ventures.

Munich Startup. (2024). Employee Participation in German Startups: Survey Results. Munich Startup GmbH.

Orrick. (2025). Employee Participation in Germany: Tax Perspective Changes. Orrick, Herrington & Sutcliffe LLP.

Oxford University Press. (2025). The Economics of Employee Equity: Long-term Effects on Workplace Dynamics. Journal of Law, Economics, and Organization.

PitchBook. (2024). European Venture Capital Activity Report. PitchBook Data Inc.