Vom Versorgungswerk zum Venture-Portfolio: So schließen Ärzte die Rentenlücke

 Altersvorsorge über das berufsständische Versorgungswerk gilt als Goldstandard der ärztlichen Absicherung. Doch die Realität offenbart eine unbequeme Wahrheit: Selbst überdurchschnittliche Versorgungswerksrenten reichen oft nicht aus, um den gewohnten Lebensstandard im Ruhestand zu halten. Die Lösung liegt in einer strategischen Portfolioerweiterung – insbesondere durch Venture Capital und andere Private-Market-Anlagen, die lange Zeit nur institutionellen Investoren vorbehalten waren.

Johannes Fiegenbaum
Johannes Fiegenbaum
28. Juli 20259 min read
Vom Versorgungswerk zum Venture-Portfolio: So schließen Ärzte die Rentenlücke

Die unterschätzte Rentenlücke: Wenn 2.750 Euro nicht reichen

Die Zahlen der Versorgungswerke klingen zunächst beruhigend: Die Ärzteversorgung Westfalen-Lippe berichtet für 2024, dass die durchschnittliche Monatsrente bei 2.750 Euro brutto liegt, wobei ein Großteil der Renten sogar die 3.000-Euro-Marke überschreiten. Im Vergleich zur gesetzlichen Durchschnittsrente von etwa 1.620 Euro scheint die ärztliche Altersvorsorge auf den ersten Blick komfortabel.

Doch dieser Eindruck täuscht gewaltig. Ein Facharzt im siebten Berufsjahr verdient im Median etwa 5.000 Euro netto monatlich. Nach der bewährten 80-Prozent-Regel würde er im Ruhestand rund 4.000 Euro benötigen, um seinen Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Die ernüchternde Realität: Nach Abzug von Steuern und Krankenversicherungsbeiträgen bleiben von der Bruttorente nur etwa 2.200 Euro netto übrig – eine monatliche Versorgungslücke von 1.800 Euro.

Diese Diskrepanz hat strukturelle Ursachen. Die Versorgungswerksrente basiert auf dem durchschnittlichen Lebenseinkommen, das gerade bei Klinikärzten in den ersten Berufsjahren deutlich unter dem späteren Gehaltsniveau liegt. Hinzu kommt die schleichende Entwertung durch Inflation. Laut Prognosen der Europäischen Zentralbank (2025) wird die Inflationsrate in der Eurozone mittelfristig bei etwa 2,2 Prozent liegen, während die Dynamisierung der Versorgungswerksrenten oft dahinter zurückbleibt. Kritische Stimmen in Leserbriefen des Bayerischen Ärzteblatts (2025) weisen darauf hin, dass die reale Kaufkraft der Renten seit Jahren kontinuierlich sinkt.

Der wahre Finanzbedarf: Eine realistische Kalkulation

Die pauschale 80-Prozent-Regel führt bei Spitzenverdienern häufig zu Fehleinschätzungen. Eine präzisere Bedarfsanalyse für den ärztlichen Ruhestand muss verschiedene Faktoren berücksichtigen:

Fixkosten (monatlich):

  • Wohnung/Haus inkl. Nebenkosten: 1.200-1.500 Euro

  • Private Krankenversicherung im Alter: 600-800 Euro

  • Steuern und Abgaben: 400-600 Euro

Variable Kosten:

  • Lebenshaltung und Mobilität: 1.000 Euro

  • Reisen und Hobbys: 500-800 Euro

  • Gesundheitsvorsorge: 200 Euro

  • Rücklagen: 300 Euro

Gesamtbedarf: circa 4.000-4.500 Euro netto – inflationsindexiert über die gesamte Ruhestandsphase.

Beispielrechnung: Die 572.000-Euro-Lücke

Betrachten wir einen konkreten Fall: Dr. Marcus Weber, 40 Jahre alt, Facharzt für Kardiologie. Sein aktuelles Bruttogehalt beträgt 8.200 Euro monatlich (4.900 Euro netto). Seine prognostizierte Versorgungswerksrente liegt bei 2.800 Euro brutto, was nach Steuern und Krankenversicherung etwa 2.200 Euro netto entspricht.

Bei einem realistischen Ruhestandsbedarf von 4.000 Euro ergibt sich eine monatliche Lücke von 1.800 Euro oder 21.600 Euro jährlich. Der Barwert dieser Versorgungslücke über eine durchschnittliche Ruhestandsdauer von 23 Jahren beträgt bei einer angenommenen Realrendite von 3 Prozent etwa 572.000 Euro. Um diese Summe bis zum 67. Lebensjahr anzusparen, müsste Dr. Weber ab sofort knapp 1.000 Euro monatlich in ein Portfolio mit durchschnittlich 5 Prozent Bruttorendite investieren.

Private Markets als Renditemotor

Traditionelle Sparformen wie Festgeld oder konservative Rentenfonds können die Inflationsrate kaum noch ausgleichen. Die Lösung liegt in alternativen Anlageklassen, insbesondere in den sogenannten Private Markets. Diese umfassen Private Equity, Venture Capital, Private Debt und Infrastrukturinvestments.

Warum Private Markets für Ärzte attraktiv sind

Renditeprämie: Laut dem Cambridge Associates VC Index (2020) erzielten Private-Equity-Fonds im Zehnjahresdurchschnitt eine Überrendite von 3 bis 5 Prozentpunkten gegenüber globalen Aktienindizes. Die Gründe liegen in der aktiven Wertsteigerung durch erfahrene Fondsmanager und dem Zugang zu nicht-öffentlichen Investmentchancen.

Inflationsschutz: Eine Studie von Hamilton Lane (2024) zeigt, dass Private-Market-Investments historisch besser gegen Inflation geschützt waren als traditionelle Anlageklassen. Insbesondere Infrastruktur-Investments mit inflationsindexierten Erträgen bieten einen natürlichen Schutz vor Kaufkraftverlust.

Diversifikation: Private Markets weisen eine niedrige Korrelation zu Aktien- und Anleihemärkten auf. Dies reduziert die Volatilität des Gesamtportfolios und verbessert das Risiko-Rendite-Profil erheblich.

Innovationszugang: Venture Capital ermöglicht Investments in bahnbrechende Technologien und Geschäftsmodelle, lange bevor diese an die Börse gehen. Von Künstlicher Intelligenz über Biotechnologie bis zu nachhaltigen Energielösungen – die Renditechancen sind erheblich.

Praktische Zugangswege für Ärzte

Lange Zeit waren Private-Market-Investments institutionellen Anlegern vorbehalten. Mindestanlagesummen von 200.000 Euro und mehr schlossen Privatanleger faktisch aus. Diese Hürden fallen zunehmend:

1. Die ELTIF-Revolution

European Long-Term Investment Funds (ELTIFs) revolutionieren den Zugang zu Private Markets. Diese EU-weit regulierten Fondsstrukturen ermöglichen Privatanlegern bereits ab 10.000 Euro den Einstieg in professionell gemanagte Portfolios. Die Vorteile: strenge EU-Auflagen gewährleisten Transparenz und Anlegerschutz, breite Diversifikation statt riskanter Einzelinvestments und professionelles Management durch erfahrene Fondsmanager.

2. Venture-Capital-Dachfonds

Ein besonders interessanter Ansatz sind VC-Dachfonds, die in mehrere spezialisierte Venture-Capital-Fonds investieren. Diese Struktur bietet mehrfache Diversifikation über 10-15 verschiedene VC-Fonds mit indirekter Beteiligung an über 200 Startups.

Ein konkretes Beispiel ist der iVC Venture Innovation Fund, der als erster BaFin-zugelassener Venture-Capital-Dachfonds speziell für Privatanleger konzipiert wurde. Mit einer Mindestanlage von 10.000 Euro erhalten Anleger Zugang zu einem kuratierten Portfolio führender europäischer VC-Fonds. Die angestrebte Zielrendite liegt bei etwa 10 Prozent IRR (Internal Rate of Return) im mittleren Szenario, was einer Gesamtausschüttung von circa 220 Prozent über die Fondslaufzeit entspricht. Die Investitionsquote liegt bei über 90 Prozent, die laufenden Kosten betragen 1,19 Prozent jährlich.

3. Digitale Investment-Plattformen

Die Digitalisierung hat auch die Finanzbranche erfasst. Moderne Plattformen demokratisieren den Zugang zu institutionellen Anlageprodukten. Anleger können online verschiedene Private-Market-Produkte vergleichen, digitale Zeichnungsprozesse durchlaufen und quartalsweise Performance-Reports einsehen.

4. Berufsständische Initiativen

Einige Ärztekammern und Versorgungswerke prüfen eigene Alternative-Investment-Strukturen. Die Ärzteversorgung Westfalen-Lippe hat beispielsweise ihre Satzung angepasst, um bis zu 20 Prozent in Sachwerte investieren zu können. Der Vorteil: institutionelle Konditionen bei professionellem Management.

Das Drei-Säulen-Modell für nachhaltigen Vermögensaufbau

Ein durchdachtes Portfolio für Ärzte sollte auf drei Säulen basieren:

Säule 1: Liquidität und Sicherheit (40%)

Diese Säule sichert die kurzfristige Verfügbarkeit und bildet das stabile Fundament. Dazu gehören Tagesgeld für 6-12 Monatsgehälter als Notreserve, kurzlaufende Staatsanleihen oder Anleihen-ETFs sowie defensive Aktien-ETFs mit Fokus auf europäische Werte.

Säule 2: Wachstum durch Private Markets (35%)

Diese Säule generiert die notwendige Überrendite. Empfehlenswert sind Venture-Capital-Dachfonds für Technologie-Exposure, Private-Equity-Feeder für etablierte Unternehmen und Infrastructure-Fonds für stabile, inflationsgeschützte Cashflows. Wichtig ist eine Streuung über verschiedene Vintage-Jahre, um das J-Curve-Risiko zu minimieren.

Säule 3: Sachwerte und Immobilien (25%)

Sachwerte bieten Inflationsschutz und generieren regelmäßige Erträge. Neben Direktinvestments in vermietete Immobilien sind REITs oder spezialisierte Immobilienfonds sinnvoll. Gesundheitsimmobilien wie Ärztehäuser oder Pflegeeinrichtungen sind für Mediziner besonders interessant, da sie die Branche verstehen.

Die konkrete Umsetzung: Ein Fahrplan

Phase 1: Bestandsaufnahme (Monate 1-2)

Ermitteln Sie Ihre Versorgungslücke mit der digitalen Rentenübersicht. Kalkulieren Sie Ihren voraussichtlichen Bedarf im Ruhestand unter Berücksichtigung von Inflation und steigenden Gesundheitskosten. Definieren Sie eine realistische monatliche Sparrate.

Phase 2: Portfolioaufbau (Monate 3-12)

Beginnen Sie mit dem Aufbau der Liquiditätsreserve und ersten ETF-Positionen. Parallel recherchieren Sie geeignete Private-Market-Produkte. Achten Sie auf BaFin-Regulierung, transparente Kostenstrukturen und nachvollziehbare Track Records.

Phase 3: Diversifikation (Jahr 2+)

Investieren Sie gestaffelt über mehrere Jahre in Private-Market-Fonds. Berücksichtigen Sie verschiedene geografische Märkte und Sektoren. Führen Sie halbjährlich ein Rebalancing durch.

Erfolgsbeispiele aus der Praxis

Die Radiologie-Gruppe: Fünf Radiologen gründeten 2010 ein überregionales Diagnostikzentrum. 2016 verkauften sie 60 Prozent an einen Private-Equity-Investor, behielten aber Minderheitsanteile. Beim Weiterverkauf 2024 erzielten sie auf ihre verbliebenen Anteile eine Rendite von über 25 Prozent jährlich.

Der systematische VC-Investor: Ein Hausarzt aus München investiert seit 2015 monatlich 1.500 Euro in verschiedene VC-Dachfonds. Sein Portfolio umfasst heute indirekt über 300 Startups mit einer bisherigen Durchschnittsrendite von 12 Prozent per annum.

Das Ärzte-Syndikat: Zwölf Fachärzte gründeten eine Investmentgesellschaft für Healthcare-Deals. Mit jeweils 100.000 Euro Einlage investierten sie gezielt in Medizintechnik-Startups und digitale Gesundheitsplattformen. Nach fünf Jahren liegt die durchschnittliche Rendite bei 18 Prozent jährlich.

Risikomanagement: Die Kehrseite der Medaille

Illiquidität: Private-Market-Investments sind typischerweise für 7-12 Jahre gebunden. Investieren Sie nur Kapital, das Sie definitiv langfristig nicht benötigen. Sekundärmärkte bieten zunehmend Ausstiegsmöglichkeiten, allerdings oft mit Abschlägen.

Ausfallrisiko: Insbesondere bei Venture Capital können einzelne Investments scheitern. Die Lösung liegt in breiter Diversifikation über mindestens 50-100 Unternehmen, was über Dachfonds erreicht wird.

Kosten: Management Fees von 2 Prozent und Carried Interest von 20 Prozent sind marktüblich. Diese schmälern die Bruttorendite, werden aber bei erfolgreichen Fonds durch die Überrendite mehr als kompensiert.

J-Curve-Effekt: In den ersten Jahren fallen Kosten an, während Erträge erst später fließen. Dies erfordert Durchhaltevermögen und eine langfristige Perspektive.

Fazit: Der Paradigmenwechsel ist überfällig

Die ärztliche Versorgungswerksrente mag im Vergleich zur gesetzlichen Rente komfortabel erscheinen – für die Aufrechterhaltung des gewohnten Lebensstandards reicht sie jedoch bei weitem nicht aus. Die durchschnittliche Versorgungslücke von 1.800 Euro monatlich summiert sich über die Ruhestandsjahre zu einem sechsstelligen Betrag.

Die gute Nachricht: Mit einer durchdachten Strategie lässt sich diese Lücke schließen. Der Schlüssel liegt in der intelligenten Kombination aus Liquidität, Wachstum durch Private Markets und inflationsgeschützten Sachwerten. Moderne Zugangsformen wie ELTIF-Strukturen und digitale Investmentplattformen demokratisieren diese Anlageklassen, die früher nur Family Offices und institutionellen Investoren vorbehalten waren.

Der beste Zeitpunkt für den Einstieg? Jetzt. Denn je früher Sie beginnen, desto stärker wirkt der Zinseszinseffekt. Während Sie sich weiterhin der Gesundheit Ihrer Patienten widmen, arbeitet ein diversifiziertes Portfolio mit Private-Market-Kern daran, Ihre finanzielle Gesundheit im Ruhestand zu sichern.

Häufige Fragen (FAQ)

Wie viel sollte ich monatlich für die Altersvorsorge zurücklegen? Als Faustregel gelten mindestens 15-20 Prozent des Nettoeinkommens. Bei einem Nettoeinkommen von 5.000 Euro wären das 750-1.000 Euro monatlich. Je später Sie beginnen, desto höher sollte die Sparquote sein.

Sind Venture-Capital-Investments nicht zu riskant für die Altersvorsorge? Einzelinvestments in Startups sind tatsächlich hochriskant. Professionell gemanagte VC-Dachfonds streuen das Risiko jedoch über 200+ Unternehmen. Historisch erzielten diversifizierte VC-Portfolios attraktive risikoadjustierte Renditen.

Wie finde ich seriöse Anbieter für Private-Market-Investments? Achten Sie auf BaFin-Regulierung, transparente Kostenstrukturen, nachvollziehbare Track Records über mindestens 10 Jahre und regelmäßiges Reporting. Etablierte Anbieter veröffentlichen ausführliche Jahresberichte.

Kann ich Private-Market-Anlagen steuerlich optimieren? Ja, über eine vermögensverwaltende GmbH (Teileinkünfteverfahren), Nutzung von § 34a EStG für thesaurierende Fonds oder Integration in die betriebliche Altersvorsorge. Die optimale Struktur sollten Sie mit Ihrem Steuerberater individuell klären.

Was passiert mit meinen Private-Market-Investments im Todesfall? Private-Market-Anteile sind grundsätzlich vererbbar. Informieren Sie Ihre Erben über bestehende Investments, hinterlegen Sie alle Zugangsdaten sicher und erstellen Sie eine Übersicht aller Positionen.

Wie liquide sind Private Markets im Notfall? Grundsätzlich sind diese Investments für 7-12 Jahre gebunden. Sekundärmärkte ermöglichen jedoch zunehmend vorzeitige Verkäufe, allerdings meist mit Abschlägen von 10-30 Prozent.

Wann ist der richtige Einstiegszeitpunkt? Bei Private Markets ist Market Timing weniger relevant als bei Aktien. Wichtiger ist die Streuung über verschiedene Vintage-Jahre. Antizyklisches Investieren in Markschwächephasen kann sogar Vorteile bieten.

Quellen

Ärzteversorgung Westfalen-Lippe. (2024). VersorgungsMagazin 2024. https://aevwl.de/wp-content/uploads/VersorgungsMagazin\_2024.pdf

Bayerisches Ärzteblatt. (2025). Leserbriefe zum Thema Kaufkraftverlust. https://www.bayerisches-aerzteblatt.de/fileadmin/aerzteblatt/ausgaben/2025/03/einzelpdf/BAB\_4\_2025\_156-157.pdf

Cambridge Associates. (2020). US Venture Capital Benchmark Book Q1 2020. https://www.cambridgeassociates.com/wp-content/uploads/2020/07/WEB-2020-Q1-USVC-Benchmark-Book.pdf

European Central Bank. (2025). Survey of Professional Forecasters Q2 2025. https://www.ecb.europa.eu/stats/ecb\_surveys/survey\_of\_professional\_forecasters/html/ecb.spf2025q2~810f7c3300.en.html

Hamilton Lane. (2024). Competitive Edge Amid Inflation. https://www.hamiltonlane.com/en-us/insight/competitive-edge-amid-inflation